Donnerstag, 25. August 2005

Live ist nicht live - Alison Goldfrapp und der 1.FC Köln

In meinem Alter, in dem ich mich als Mannschaftskapitän des VfB Stuttgart auf der Ersatzbank wiederfinden würde, geht man nicht mehr allzuoft auf ein Konzert. Aber für Goldfrapp im Gloria und eine charmante Begleiterin krame ich meine fenzy shoes mal wieder aus dem Schrank. Ein Fehler. Nicht wegen der charmanten Begleiterin, sondern wegen Goldfrapp. Tolle Band, vielversprechende neue Single, tolles Konzert, aber nach 40 Minuten inklusive Zugabe ("Black Cherry") ist allen Ernstes Schluss! Nach 40 Minuten! In Worten "vierzig" Minuten! Plus 15 Minuten Pfeifen und Buhen des Publikums. Wir haben dann noch diskutiert, ob man nicht wenigstens den Tourbus der Band umschmeißen sollte, aber nach reiflicher Überlegung davon Abstand genommen und versucht unsere Kölsch auf Alison Goldfrapp anschreiben zu lassen.
Bei einem Fußballspiel kann Dir zumindest das nicht passieren. Wenn doch, hast Du die Gewissheit, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Denn auch wenn man bei einem Fußballspiel nicht weiß, was einen erwartet, zumindest über die Länge des Spiels weiß man Bescheid. Die ganze Chose wird rund 90 Minuten in Anspruch nehmen. Mal mehr, selten weniger. Alles andere jedoch ist ungewiß. Spielverlauf und Ergebnis liegen im Dunkeln der Zukunft. Niemand im Stadion kann darüber eine Aussage machen, es sei denn Robert Hoyzer pfeift. Dann weiß zumindest er, wie es ausgeht. Natürlich hält das niemanden auf den Rängen davon ab, vor Anpfiff präzise den Ausgang des Spiels vorauszusagen und weitschweifig die Gründe für ebendiesen Ausgang darzulegen.
Mit dem ersten Pfiff des Schiedsrichter weicht dieses überzeugte Expertentum jedoch nagenden Zweifeln. Um diese Zweifel zu besiegen, ist es zwingend erforderlich die eigene Mannschaft anzufeuern, den Gegner zu diffamieren und jede Entscheidung des Schiedsrichters aus subjektiver Sicht lautstark jubelnd oder pfeifend zu kommentieren. Dabei spielt die Richtigkeit seiner Entscheidung nicht die geringste Rolle. Es gibt keine Abseitsregel, wenn Deine Mannschaft angreift. Es gibt jede Menge Abseitssituationen, wenn der Gegner es tut. So einfach kann Fußball sein.
Diese Einfachheit schwächen Deine Zweifel in keinster Weise. Ihre Stärke hängt vom Vertrauen in die eigene Mannschaft ab. Hat das Publikum bereits erlebt, dass ein 3-0 fünfzehn Minuten vor Schluss keine Sieggarantie ist, sind die Zweifel naturgemäß höher, als wenn das Publikum weiß, dass das Team jeden 1-0-Vorsprung locker 70 Minuten über die Zeit bringt. Wer Gewissheit sucht, ist als Fan der meisten Fußballvereine aufgeschmissen. Aber es gilt auch: Je größer die Ungewissheit, je stärker die Zweifel, umso intensiver wird das Spiel emotional erlebt und umso leidenschaftlicher ist das Publikum bei der Sache. Auch bei einem Stand von 4-1 kann ein unfaires Handspiel eines Frankfurter Spielers kurz vor Schluss bei mir und 40.000 anderen Kölnern für wütendes Entsetzen sorgen. Und für verständnisloses Kopfschütteln meines Frankfurter Begleiters, wenn 40.000 gleichzeitig "Hand!" brüllen, als wollten sie selber das Spiel und diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die uns den sicher geglaubten Sieg zu entreißen droht, unterbinden.
Wesentlicher Aspekt all dieser Zweifel und Gefühlsausbrüche ist die einzige Gewissheit, die der Fan auf den Rängen hat: das Spiel dauert rund 90 Minuten. Danach ist es entschieden. Ein "Triffst du heut' nicht, triffst du morgen" gibt es beim Fußballspiel nicht. Die Zeit läuft unerbittlich ab. Zu schnell, wenn Deine Mannschaft zurück liegt, zu langsam, wenn sie führt.
Ein Konzert bietet dir diese Gefühlswelt nicht. Schließlich steht außer einem überteuerten Ticket nichts auf dem Spiel. Es geht nur um Musik, nicht um Sieg oder Niederlage. Also habe ich mir heute Morgen doch wieder "Strictly Machine", "Utopia" und "Ooh La La" angehört. Allerdings werde ich mir das nächste Goldfrapp-Konzert schenken. Das aktuelle Album auch. Eine Dauerkarte für den FC werde ich mir allerdings auch in der nächsten Saison holen. Unabhängig von Sieg oder Niederlage.

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