Dienstag, 17. Juni 2008

Angst essen Seele auf

Ich weiß, dass man diese Überschrift für einen Beitrag über Fußball eigentlich nicht mehr bringen darf. Aber der Satz ist nicht nur wahr (und schön, und wann hat man beides schon einmal zusammen?), sondern auch sehr treffend, wenn man über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Sommer 2008 schreibt.

Diese Mannschaft ist (und war) spielerisch und taktisch limitiert. Das ist nichts neues. Was sie ausgezeichnet hat, war die Bereitschaft, das zu ignorieren. Einfach "trotzdem" schnellen, aggressiven, direkten Fußball zu spielen. Mit dem Bewusstsein, dass das schief gehen könnte und der Überzeugung, dass dennoch etwas besseres dabei herauskommt, als wenn man es einfach sein lässt.

Dazu gehört Mut, dazu gehört Optimismus. Jürgen Klinsmann hat das konsequent vorgelebt in seiner manchen nervenden amerikanisierten Art. Er hat einen Oliver Kahn abserviert, weil er von Jens Lehmann überzeugt war, einen Odonkor mit zur WM genommen, über den jeder den Kopf geschüttelt hat und konsequent vom Finale in Berlin geredet. Dass er am Ende gescheitert ist, spielte schon keine Rolle mehr. Weil er etwas ganz anderes erreicht hat und vermutlich viel mehr als ein hölzern erspielter WM-Titel hätte bringen können.

Joachim Löw fehlt dieser Mut momentan und mit der gleichen Angst versteckt sich die Mannschaft auf dem Platz. Damit aber verliert sie, womit sie den Unterschied zu den europäischen Topteams wettmachen kann: die Bereitschaft selber Fehler zu machen und die Fehler der Mitspieler auszubügeln. Diese Mannschaft muss mehr als andere Mannschaften investieren um schön und erfolgreich zu spielen.

Was fehlt ist ein Stück trotziger Optimismus: Natürlich sind wir schlechter als Portugal. Aber schlagen können werden wir sie trotzdem. Und besser aussehen tun wir dabei auch.
sternburg (Gast) - 18. Jun, 09:34

Wahnsinnig zutreffende und kompakt formulierte Analyse. Das quatsch ich in der Kneipe nach und werde mich schlau fühlen, schön.

Jim Knopf (Gast) - 19. Jun, 15:56

Schön geschrieben

Gefällt mir super! "Aber der Satz ist nicht nur wahr (und schön, und wann hat man beides schon einmal zusammen?)" ;-)

Ich bin zwar Gladbach-Fän, aber trotzdem ein dickes Lob für Eure Seite. Und nächste Saison heißt es dann im Kampf um Platz 17: Womé oder Alberman!

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