Donnerstag, 9. März 2006

Bayern im Viertelfinale

Wow! Bayerns Trainer Felix Magath hat gestern eine Meisterleistung gezeigt. Gleich drei der vier Mailänder Tore hat er nach dem Spiel für irregulär erklärt und sich auch von dem verdutzten SAT-1-Reporter Oliver Welke nicht beirren lassen. Weil auch der Elfmeter im Hinspiel nie hätte gegeben werden dürfen, zumindest in der Welt aus Sicht des Felix Magath, ergibt sich dieses Endergebnis:

FC BAYERN MÜNCHEN - AC Mailand 1:0, 1:1

Die Mannschaft in Kapiteln hat das Viertelfinale erreicht.

Magaths Leistung stellt selbst Kaiserslauterer Schiedsrichter-Lamento in den Schatten. Dafür gebührt ihm Respekt!

Allerdings ist dem FC Bayern im speziellen und dem deutschen Fußball im allgemeinen zu wünschen, dass die Verantwortlichen in den Vereinen Magaths Weltbild nicht teilen. Zu eklatant waren in den vergangenen Tagen die Unterschiede zwischen deutschen und italienischen Teams.

Auch Werder Bremen, fußballerisch weiter als im Jahr zuvor, fehlte die Klasse, um gegen Turin ins Viertelfinale einzuziehen. Egal ob man allein Tim Wieses eitler Show-Einlage oder zwei Heimgegentoren im Hinspiel die Schuld gibt.

Vermutlich jedoch zieht sich die Bundesliga (und der FC Bayern) auf die Position zurück, dass es an Geld mangelt im Vergleich mit den großen Ligen Europas. Doch daran liegt es wenn überhaupt nur zum Teil.

Der FC Bayern bezeichnet sich selber gerne als der finanziell gesündeste Verein Europas. Ausgeschieden sind die Münchener dennoch. Ebenso wie die beiden reichsten Clubs des Kontinents, Real Madrid und Manchester United und das Spielzeug des Ölmilliardärs Abramovich, der FC Chelsea. Dafür haben in den vergangenen Jahren der FC Porto und der FC Liverpool mit geringeren Etats als die Genannten die Champions League gewonnen. Es geht also weniger um Geld, sondern darum, was ein Verein damit macht.

Noch deutlicher wird das bei einem Blick auf den UEFA-Pokal. In den vergangenen fünf Jahren scheiterten die deutschen Vertreter dort selten an Gegnern aus den großen europäischen Ligen. Als zu stark erwiesen sich u.a.
Rapid Bukarest (Rumänien, gegen Hertha, 16-Finale 2005/2006)
CSKA Sofia (Bulgarien, gegen Bayer Leverkusen, 1.Runde 2005/2006)
Standard Lüttich (Belgien, gegen den VfL Bochum, 1. Runde 2004/2005)
Shaktar Donezk (Ukraine, gegen Schalke 04, 16.-Finale 2004/2005)
Groclin Dyskobolia (Polen, gegen Hertha, 1. Runde 2003/2004)
FK Teplice (Tschechien, gegen den FCK, 1. Runde, 2003/2004)
Bröndby Kopenhagen (Dänemark, gegen Schalke 04, 2. Runde 2003/2004)
Wisla Krakau (Polen, gegen Schalke 04, 3. Runde 2002/2003)
Vitesse Arnheim (Niederlande, gegen Werder Bremen, 2. Runde 2002/2003).

Insgesamt schieden von den 18 Bundesligateilnehmern der vergangenen fünf Jahre nur drei gegen Mannschaften aus den Top-Ligen Englands, Spaniens und Italiens aus, drei weitere scheiterten an Mannschaften aus Frankreich und den Niederlanden, 12 (!) verabschiedeten sich gegen Mannschaften sogenannter kleiner Ligen. Keine erreichte auch nur das Achtelfinale.

Falls nun einer meiner Leser den Völlerschen Reflex des "Es gibt keine kleinen Mannschaften mehr. Auch die können Fußball spielen" rauslassen möchte:

Ja. Die schon. Genau das ist das Problem.

Die wichtigen Fragen des deutschen Fußballs drehen sich nämlich nicht um Geld oder den Wohnsitz des Bundestrainers, sondern darum, wie die Bundesliga (Management, Trainer, Spieler) fußballerisch den Anschluss zum europäischen Ausland wieder herstellen möchte: konditionell, spielerisch und taktisch.
nolookpass (Gast) - 9. Mrz, 12:50

Ist die Bundesliga mittlerweile eigentlich eine große oder kleine Liga?

Suedtribuene - 9. Mrz, 13:45

Von den Finanzen, dem betriebenen Aufwand, dem medialen Brimborium und dem Zuschauerzuspruch her eine große Liga.

Vom sportlichen Erfolg und Können her eine kleine Liga.
Melkus - 9. Mrz, 15:41

Ich sehe da durchaus einen gewissen Aufwärtstrend. Bayern hat enttäuscht, okay, aber auch im ungünstigsten Moment ein kleines Formtief erwischt. (Da geht's Liverpool auch nicht besser.)
Werder würden wir jetzt für eine Heldentat feiern, wenn Wiese nicht seinen tragikomischen Kahn-Salto mit eineinhalb Schrauben vorgeführt hätte. (In der Vorrunde haben sie allerdings in einer leichten Gruppe nicht völlig überzeugt.)
Schalke und HSV spielen heute im - tada - Achtelfinale, also scheinen sie es erreicht zu haben, oder? Beide haben sich taktisch weiterentwickelt und passable Spiele in Europa abgeliefert, jeweils ein spanisches Team rausgekegelt, S04 hatte Milan am Rande des KOs.

Unter diesen vier Teams gehobener europäischer Mittelklasse sieht es zugegebenermaßen schlecht aus, höchstens Leverkusen könnte in Europa einzelne große Spiele abliefern, wenn mal alles paßt. Evtl. noch Dortmund.
Man teilt sich derzeit wieder den vierten Platz in Europas Ligen mit Frankreich, knapp vor Holland + Portugal, nicht mehr und nicht weniger. Und außer Barca und Chelsea ist niemand unerreichbar.

Stefan (Gast) - 9. Mrz, 17:10

Hm, hm. Das Abschneiden von Schalke und dem HSV lasse ich als Aufwärtstrend gelten. Auch wenn es mir schwer fällt, Achtelfinalteilnahmen als Aufwärtstrend zu akzeptieren. Allerdings: Es reicht nicht, den Gegner am Rande des K.O. zu haben, wie Schalke (gegen Milan) oder Werder (gegen Juve). Es fehlt die Qualität, den Gegner auch tatsächlich zu schlagen.

Bremen hat sich fußballerisch gegenüber dem vergangenen Jahr verbessert (steht auch oben schon irgendwo). Offensiv ist Werders Spiel durchaus ansehnlich, aber die Defensive (auch das Arbeiten von Angriff und Mittelfeld nach hinten, hier liegen z.B. Micouds Grenzen im internationalen Vergleich) ist zu schwach.

Die Bayern waren gestern offensiv komplett einfallslos und defensiv undiszipliniert. Aber bei ihnen reicht es in den letzten Jahren generell nicht, um gegen die großen Teams weiterzukommen, egal ob Milan oder Chelsea.

Diese vier Teams sind meiner Einschätzung nach internationaler Durchschnitt, Bayern gehobener Durchschnitt. Der Rest der Liga, auch die von Dir genannten, sind aktuell international nicht konkurrenzfähig. Leverkusen findest Du nicht ohne Grund oben in der Liste. Dortmunds Mannschaft ist talentiert, aber zu jung und wird im kommenden Jahr eher schwächer besetzt sein.

Deshalb würde ich die Bundesliga eher hinter den von Dir genannten Ligen einordnen. Frankreich ist in meinen Augen deutlich stärker, bei Holland und Portugal sind zumindest die Spitzenteams besser als unsere Topmannschaften.

Ein letztes zu Chelsea: Da bezweifel ich, ob sie tatsächlich unerreichbar sind. Die letzten beiden Jahre konnten sie international ihren Ansprüchen nicht genügen.

Barca, bevor sie das Image einer fröhlich stürmenden Künstlertruppe bekommen, ist nicht nur von der individuellen Klasse her, sondern auch von der mannschaftlichen Geschlossenheit und den taktischen Fähigkeiten her, wohl das Beste in Europa.
Melkus - 9. Mrz, 19:03

Na jut, das mit Barca und Chelsea sehe ich im Prinzip genauso. Das Barca der letzten zwei Jahre halte ich sogar für das beste Team überhaupt, so lange ich Fußball sehe, gerade noch mit Reals Hochphase Ende der 90er und Milan davor vergleichbar. In einer hypothetischen Europaliga sehe ich Chelsea trotzdem um den Titel mitspielen, die haben einfach ein paar extrem stabile Schlüsselspieler, eine eingespielte Organisation und einen tiefen Kader. (Lampard ist ja zur Zeit wohl angeschlagen. Das könnte ein Problem sein.)
In so einer Liga würden Bayern, Schalke oder Bremen auch ganz gut aussehen, glaube ich. (Der Punkteabstand in der Liga erklärt sich aus der Tatsache, dass Bayern mehr rotieren kann - gegen Milan ist es aber wichtiger, die besten 11 auf den Punkt fit zu haben - und Schalker Startproblemen.) Knapp hinter den vier Spitzenteams (Juve und Milan noch), auf einem Level mit Inter, Madrid, ManU oder Arsenal (wobei letztere bald wieder eine Kategorie aufsteigen werden), eher vor Eindhoven, Benfica oder Valencia. Ich denke, man unterschätzt, dass auch in andern Topligen mal taktische Fehler gemacht und Fehleinkäufe getätigt werden.
Aber es fehlt besonders Bayern so ein bißchen der Pokalmannschaftspunch, da hast du schon recht. (Trotzdem, das Ding von Wiese - das hat mit Bremens Qualität nix zu tun.)
Stefan (Gast) - 10. Mrz, 11:37

Das Barca der letzten zwei Jahre würde ich sogar höher einschätzen als Real Ende der 90er, auch wenn Real von den Namen her spektakulärer besetzt war. Milan Anfang der 90er war in der Spielanlage weniger aufsehenerregend wie Barca heute, aber dennoch eine klasse Truppe. Für mich gleichwertig. Ein Duell FC Barcelona - AC Mailand fände ich aber gerade heute sehr interessant.

Deine Einschätzung zu einer hypothetischen Europaliga teile ich aber nicht. Allein schon, weil keine vier deutschen Vereine in einer solchen Liga mitspielen würden. Die Bundesliga schickt in das 32er-Feld der Champions League nur 2-3 Teilnehmer. In eine "Europaliga" mit 18 oder 20 Mannschaften würde sie 1 oder 2 Teams entsenden. Aktuell vermutlich Bayern und Bremen. In einer solchen Liga wären beide nur Mittelmaß, Bayern würde ich etwas stärker einschätzen.
Der HSV und Schalke wären in einem solchen Europaliga-Modell nur 2. Liga.
Der Rest der Bundesliga würde m.A. keine Rolle spielen.

Was das Ding von Wiese angeht: Da gilt mittlerweile für mich das gleiche wie für die Tagesform von Bayern München. Es gibt jedes Jahr einen neuen Grund, warum 6-7 deutsche Vereine vor der Zeit aus dem internationalen Geschäft ausscheiden. Da kannst Du immer die Tagesform oder einen individuellen Fehler ausmachen, der gerade für dieses eine Ausscheiden verantwortlich ist.

Nur: In der Summe läuft es auf mangelnde Qualität hinaus.

Diesem Beitrag ist nichts mehr hinzuzufügen :) Sehr gut.

MythosBayern - 9. Mrz, 21:07

All

das Gequatsche der Bayern bringt überhaupt nichts, nur Leidenschaft kann hier noch helfen!

Stefan (Gast) - 10. Mrz, 11:25

Leidenschaft allein reicht nicht

Leidenschaft hilft vielleicht bei einer Mannschaft wie unserer, wo die Hälfte kaum Fußball spielen kann.

Aber in der Champions League ist Leidenschaft zu wenig. Vielleicht stößt deshalb jemand wie Kahn als Motivator innerhalb der Mannschaft an seine Grenzen?

In der Champions League brauchst Du eher Spielintelligenz, eine gute taktische Einstellung und vor allem Konzentration.

Auch Porto und Liverpool haben ihre Champions-League-Triumphe nicht allein der Leidenschaft zu verdanken. Gerade Porto hat mit hoher Spielintelligenz gesiegt. Liverpool hat zwar nach dem 0:3 im letztjährigen Finale viel Leidenschaft und vor allem Willen gezeigt, aber gerade im Halbfinale gegen Chelsea vor allem durch das bessere taktische Konzept gewonnen.

Die Fehler, die die Bayern in Mailand gemacht haben, waren vor allem Konzentrationsfehler (Demichelis, Lizarazu), taktische Mängel (Ismael, Lizarazu, Sagnol, das gesamte Mittelfeld bei Kakas 4:1) und Ideenlosigkeit im Angriffsspiel.

Leidenschaft kann Dich ins Spiel zurückbringen. Aber nur mit Leidenschaft holst Du keine Titel. Außer vielleicht in der Kreisliga.
MythosBayern - 10. Mrz, 12:16

Stimmt!

Aber wenn sonst nichts da ist (war), kann (konnte) man ja wohl wenigstens Leidenschaft erwarten, oder?
Suedtribuene - 10. Mrz, 12:27

Das stimmt,

aber für's Weiterkommen oder den angestrebten CL-Triumph hätte das nicht gereicht.
MythosBayern - 10. Mrz, 14:34

Hätte, sollte, könnte, müsste...
;-)
Stefan (Gast) - 10. Mrz, 14:40

Sag ich doch:

Konjunktiv ist der Modus der Verlierer.
KonniFCB (Gast) - 10. Mrz, 17:02

ja, zur Leidenschaft gehören noch einige andere Tugenden, und man muß das Potential haben. Das hat ein Lionel Messi vielleicht eher als ein Ze Roberto oder ein Deisler. Und Messi hat Chelsea im Hinspiel fast allein besiegt...
MythosBayern - 10. Mrz, 17:56

@Stefan: Ich meinte doch Dich mit dem Konjunktiv - gibst Du jetzt etwa auf? ;-)
Stefan (Gast) - 10. Mrz, 18:00

Du meintest mich?

Dann muss Dich das Spiel am Mittwoch aber schwer verwirrt haben. Ich sprach von Titel holen und Champions Leauge gewinnen. Da haben wir Kölner meines Wissens nichts mit zu tun.
:-)
trabbirainer (Gast) - 11. Mrz, 08:51

Sehr gut geschrieben!

Der beste Mann bei den Bayern war der Herr Magath. Der bot ganz, ganz großes Kino. Was der Mann alles gesehen hat...da hab ich mich echt gefragt, welches Spiel der gesehen hat.
trabbi

Stefan (Gast) - 11. Mrz, 13:31

Vermutlich das angeblich verschobene Spiel zwischen Hansa Rostock und den Sportfreunden Siegen.

Andererseits ist Realitätsverlust in der Bundesliga vermutlich recht weit verbreitet.

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breitnigge - 12. Dez, 01:00
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breitnigge - 12. Dez, 00:54

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