Montag, 7. November 2005

Auskommen mit der ARD - ein Selbstversuch

Was erfährt ein Zuschauer eigentlich über ein Fußballspiel, wenn er nur am frühen Samstagabend die Sportschau guckt?

Weil aktuell die Fußball-Fernsehrechte für die kommenden Jahre ausgeschrieben werden und ich am Samstagnachmittag keine Zeit hatte das Spiel live im Stadion oder in der Eckkneipe zu verfolgen, dazu ein kleiner Selbstversuch.
(Falls einer der Wolfsburg-Fahrer das hier liest und mag, kann er gerne als Vergleich seine Live-Eindrücke vom Spiel in die Kommentare schreiben.)

Ich gestehe, dass ich es nicht bis zum Spielbericht duurchgehalten halte ohne das Ergebnis im Videotext nachzulesen. Fast der spannendste Moment: Das Warten auf die Ergebnistafel, die Erleichterung beim Lesen des 1:1 - endlich ein Punkt!, dann die bange Frage: Wie hat die Konkurrenz gespielt? Reicht es noch für den Nichtabstiegsplatz? Ja, es reicht. Die größte Anspannung des Samstags ist damit gewichen.

Zum Spielbericht:
Sportschau-Moderator Reinhold Beckmann lässt es sich nicht nehmen, das Spiel mit Hinweis auf Podolskis Barcelona-Trip anzukündigen. Gähn. Dazu fällt mir nur ein Zitat von Podolskis Berater Norbert Pflippen ein: "Besser der Junge sieht sich in Barcelona ein Fußballspiel an, als dass man ihn frühmorgens betrunken in der Disco aufgabelt."

Über das Spiel selber kann ich nach Ansicht der ARD-Bilder herzlich wenig sagen. Ich habe viele Torraumszenen gesehen. Ungewohnt viele FC-Chancen - ein Indiz dafür, dass sich die Mannschaft mehr Chancen erarbeitet hat als in den vorhergehenden Spielen? Ich erfahre es nicht. Ich habe Albert Streit zwei hervorragende Chancen vergeigen sehen. Dazu ein Gegentor nach einer Standardsituation. Weil sich Uwe Rapolder in der vergangenen Woche öffentlich darüber beklagt hat, dass der FC zu viele Tore nach Standards kassiert, weiß auch der ARD-Kommentator, dass dies das 12. ist. Alles in allem: Die Geschichte des Spiels erschließt sich mir nicht.

Aufgrund des Kommentars weiß ich, dass der FC in derselben Aufstellung begonnen hat wie gegen die Bayern. Demnach wohl auch in Wolfsburg ein 3-3-3-1 mit Scherz als einziger Spitze und Podolski etwas dahinter. Ich höre, dass die Mannschaft sehr engagiert spielt, das Spiel in der ersten halben Stunde kontrolliert. Wie sich der verletzungsbedingte Wechsel Scherz-Grammozis auf das Spiel, vor allem die taktische Aufstellung auswirkt, erfahre ich nicht. Geht Podolski in die Spitze? Rückt Rahn ins offensive Mittelfeld vor?
Im weiteren sind es eher meine eigenen Erfahrungen mit der Mannschaft, die mir weiterhelfen. Dass Wolfsburg nach etwa einer halben Stunde besser ins Spiel kommt, kenne ich aus anderen Spielen des FC. Vor der Pause lässt die Mannschaft gerne einmal nach. Von den Auswechslungen Benschneiders und Epsteins erfahre ich gar nicht oder später. Über die Gründe kann ich nur spekulieren.
Wie auch gegen die Bayern scheinen diese späten Wechsel such jedoch auszuzahlen. Die Mannschaft rafft sich zur Schlussoffensive auf. Diesmal wird sie durch Epsteins spätes Tor belohnt.

Nur warum kann ich nicht sagen. Das Hin- und Herwogen des Spiels, die entscheidenen Zweikämpfe im Mittelfeld, das Spiel über das ganze Feld, all das bleibt mir verborgen. Ich weiß nicht einmal, ob ich die Schlüsselszenen des Spiels gesehen habe.

Was ich gesehen habe, waren Chancen und Tore. Nicht das Wesentliche, sondern das Spektakuläre stand im Mittelpunkt. Ich bin unterhalten worden, aber nicht informiert. Damit sind wir vermutlich beim Dilemma des Fernsehberichts: Die Mehrheit der Zuschauer will unterhalten werden und nur ein paar Verrückte, die ausnahmsweise nicht den Weg ins Stadion oder die Eckkneipe gefunden haben, wollen wirklich über das Spielgeschehen informiert werden.

Dafür kann die ARD nichts. Aber vielleicht erklärt es, warum die Fußballberichterstattung in diesem Land ist, was sie ist: Unterhaltung. Boulevard statt Fußball.
Der Tester - 7. Nov, 19:35

Einen netten Zeitvertreib hatte ich mal im Vergleich der Radiokonferenz mit der TV-Zusammenfassung. Zwar krankt das Radio an ähnlichen Problemen, es muss auch unterhalten (sofern wäre der Vergleich auch fairer), die Unterschiede, auch (oder grade) in der Bewertung einzelner ("glasklarer") Szenen und der folgenden Schiedsrichterschelte sind aber bemerkenswert.

Ich hab es irgendwann aufgegeben. Sollten die in der BL mit blinkenden Bällen spielen, ich würd es wohl nicht mitbekommen (es sei denn, ich wechsel mal pünktlich den Sender).

Dafür hab ich als fußball-unkundiger (ist es klug, das in einem Fußball-Blog zu sagen ?) an dieser Stelle schon so manches gelernt. Dafür ein Lob. Ich danke es mit ein wenig Quote.

Suedtribuene - 8. Nov, 11:33

Danke für die Blumen :-)

Radio kommt bei mir immer zu kurz. Entweder bin ich im Stadion oder in einer Kneipe, um das Spiel zu sehen. (Wo wir gerade über Kneipe reden: Fußball gewinnt, wenn man in der Gruppe guckt.) vermutlich würde ich eine Radioreportage eines FC-Spiels nervlich auch gar nicht durchstehen.

Was war denn Anlaß und Ergebnis Deines Vergleichs? Bzw. worin unterschieden sich die Bewertungen?

PS: Wer hat schon Ahnung von Fußball?
Der Tester - 8. Nov, 13:56

Anlass war mehr oder weniger Zufall. Irgendwann hab ich von der Radiokonferenz erfahren und dann auch mal eingeschaltet.
Natürlich krankt es an den ähnlichen Symptomen wie die TV-Berichterstattung. Weniger Taktik, kaum Wechsel, mehr Torraumszenen. Darüberhinaus wird kurz auf die Spielweise eingegangen (die einen kommen gar nicht ins Spielen, die anderen dominieren, ...).
Der deutlichste Unterschied ist die fehlende Arroganz. Wenn in der ARD ein Elfmeter nicht gegeben wird, ist der Schiri der Depp, war schließlich glasklar. Im Radio gibt der Kommentator seine Einschätzung, ich vermute, dann hat er auch eine Wiederholung, wo er vielleicht kurz hinschaut und dann sagt er, dass das eine schwierige Entscheidung war, er seinen ersten Kommentar revidiert oder eben auch von einer Fehlentscheidung spricht. Aber der Umgang ist meist fairer. Und spannender als eine TV-Zusammenfassung allemal. Für mich ist es meist eben eine Unterhaltung für Nebenbei.
Nur dadurch, dass das Spiel über einen längeren Zeitraum betrachtet wird, sich regelmäßig reingeschaltet wird, hab ich von Spielverläufen häufig einen unterschiedlichen Eindruck gewonnen.
Und ich hab insgesamt den Eindruck, dass die Reporter-Fragen nach dem Spiel nicht ganz so daneben sind wie zB zu ran-Zeiten. Aber das ist ein Thema für sich.
Daher hat bei mir insgesamt die Radio-Schalte nach Punkten gewonnen.
Suedtribuene - 8. Nov, 15:32

Ich denke beim Radio ist die Neigung zu Torraumszenen auch dem Format "Konferenz" geschuldet, oder? Das berühmte "Tor in Stuttgart!" eben.

Was die Arroganz angeht: Radioleute sind, glaube ich, generell entspannter, uneitler und sachlicher als ihre Kollegen beim Fernsehen.

Die lokalen Sportredaktionen wiederum (zumindest hier in Köln), um die auch noch ins Spiel zu bringen, sehen sich meist viel zu sehr als Machtfaktor um zu guter Berichterstattung in der Lage zu sein.

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