Montag, 10. Oktober 2005

Die Nationalmannschaft spielt so gut, wie die Bundesliga sie lässt

Zumindest in einem waren sich am Wochenende alle einig. Das Spiel der deutschen Mannschaft in Istanbul war schlecht. Aber schon die Frage 'Was war schlecht?' interessierte kaum jemanden.

Mich schon. Deshalb eine kurze Spielanalyse: Durch die Bank standen die deutschen Spieler zuweit weg von ihren Gegenspielern und vermieden so die Zweikämpfe. Kurz: mangelnde Aggressivität.
Wegen der gleichfalls nicht vorhandenen Laufbereitschaft ergaben sich keine Anspielstationen im Spiel nach vorne. Im Defensivverhalten fehlte diese Laufbereitschaft ebenso, zudem mangelte es an taktischer Disziplin. Mangelnde Aggressivität, fehlende Laufbereitschaft und taktische Disziplinlosigkeit eröffneten den Türken die benötigten Räume bei eigenem Ballbesitz. Ergebnis: Keine Chancen hier, viele Chancen da. 2:1 verloren.

Es lohnt sich dieses Spiel im Zusammenhang der anderen Leistungen in der Ära Klinsmann zu betrachten. Denn es ist zu einfach zu behaupten, dass im Confed-Cup alles gut war, jetzt aber alles schlecht ist.
Richtig ist, dass Aggressivität und Laufbereitschaft im Spiel nach vorne während des Confed-Cups und in den meisten Spielen zuvor vorhanden waren. Zusammen mit einer vom Trainer geförderten großen Risikobereitschaft entwickelte sich eine attraktive, schnelle und offensive Spielweise.
In den letzten Begegnungen war davon nichts zu sehen, weshalb die Schwächen der Mannschaft deutlicher zu Vorschein kamen.

Denn die Probleme im Defensivverhalten sind nicht neu. Allerdings haben sie nichts (oder nur wenig) mit der jungen Viererkette zu tun. Auch wenn die deutsche Abwehr mit Innenverteidigern wie Bordon oder Ismael sicher sattelfester säße. Nur haben wir diese Spieler nicht. Wir haben Mertesacker und Sinkiewicz (die passabel, aber nicht hervorragend spielen - hoffentlich noch nicht), dann haben wir vielleicht noch Metzelder und Fahrenhorst. Spieler wie Huth und Wörns (vor allem Wörns!) haben bei ihren Auftritten im Nationaltrikot sehr deutlich gemacht, dass sie keine gleichwertige Alternative zu den Erstgenannten sind.
Viel entscheidender ist aber das miserable Defensivverhalten des Mittelfeldes. Es hat sich wohl noch nicht bis zu den deutschen Mittelfeldspielern herumgesprochen, dass im modernen Fußball (modern ist relativ: seit etwa 1990) der Defensivblock bei gegnerischen Ballbesitz alle 10 Feldspieler umfasst. Genauso wie bei eigenem Ballbesitz alle Spieler auf verschiedene Weise in das Angriffsspiel eingebunden sind. Wie sonst ist es zu erklären, dass in allen Spielen zwischen Mittelfeld und Abwehr ein riesiges Loch klaffte, in dem der Gegner nach Belieben agieren konnte? Wie sonst ist es zu erklären, dass Räume nicht gedeckt werden, dass Spieler nicht einmal versuchen, bei einem gegnerischen Angriff hinter den Ball zu kommen und stattdessen verteilt über 60 Meter auf dem Platz herumhängen? Hinter einem so schlampig arbeitenden Mittelfeld (die Angreifer, die den Gegner im Idealfall schon bei der Annahme stören sollten, lasse ich mal außen vor) sieht jede Viererkette schlecht aus, egal wie alt sie ist.
So weit die Bestandsaufnahme. Zu fragen wäre nun, ob es am Wollen oder am Können der Spieler liegt. Wollen sie nicht, sollte man sich eingestehen, dass diese Spielergeneration eine verlorene Generation ist und sie schnellstmöglich durch Nachwuchsspieler ersetzen. Können sie nicht, müsste man fragen, ob es körperliche oder taktische Defizite sind. Oder beides.
Die "Experten" aus der Bundesliga bieten jedoch ganz andere Antworten. So würden die Fitness-Tests der Nationalmannschaft die Spieler überfordern. Mit dem gleichen Argument könnte man Mathe-Klassenarbeiten in der Schule abschaffen: Die stören den Unterrichtsrhythmus und klauen obendrein Lernzeit. Körperliche Fitness ist heute Grundvoraussetzung, um international mithalten zu können. Insofern ist es legitim (vielleicht sogar notwendig) sie zu überprüfen, um eventuelle Mängel feststellen und anschließend beheben zu können. Die bodenlose Dummheit des blauen Rudi, sich zu mokieren, dass Ausländer dieses Fitness-Training leiten, kommentiere ich nicht. Das ist mir schlicht zu blöd. Aber die Bundesliga-Experten wie Franz Beckenbauer und Thomas Schaaf bieten auch noch eine andere Antwort: Die Kommunikation zwischen Bundestrainer und Bundesliga funktioniert nicht. Au weia! Schlimm, schlimm! Vor wenigen Wochen erst hat Jürgen Kinsmann zum zweiten Mal alle Bundesligatrainer zu einem Gespräch nach Bremen eingeladen. Das reicht den Herren aber nicht. 1. Möchten jetzt auch die Manager eingeladen werden. 2. Möchten die Bundesligatrainer jetzt gerne Einzelgespräche mit dem Bundestrainer führen. Auf die Idee, den Mann dann einfach mal anzurufen, scheint keiner zu kommen. Liegt das vielleicht daran, dass die Trainer das Handy die ganze Zeit brauchen, um ihrem Spezi von der Presse ein Interview zu geben?

Was diese ganzen Antworten mit Fußball zu tun haben? Nichts und das hat vielleicht sogar einen guten Grund. Denn fängt man an über die Ursachen zu diskutieren, würde man vermutlich zu dem Ergebnis kommen, dass Bundesligaspieler körperlich und taktisch nicht gut genug geschult sind, um international wettbewerbsfähig zu sein. Denn es ist ja nicht das Training in der Nationalmannschaft, das über die Qualität eines Spieler entscheidet. Darüber entscheidet seine Ausbildung in der Jugend und die tägliche Arbeit im Verein.
Offenbar gibt es dort Qualitätsmängel, sowohl in der körperlichen Grundlagenarbeit als auch in der taktischen Schulung.
Wer sich nicht nur die Spielweise der Nationalmannschaft, sondern auch die Ergebnisse deutscher Vereinsmannschaften in den internationalen Wettbewerben anschaut, findet dafür weitere Belege. Hier gehe ich dann doch noch einmal auf Stumpen-Rudi ein: Vielleicht ist es ein Glück, dass nicht nur deutsche Experten im Trainerstab der Nationalmannschaft zu finden sind.

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Training in der Bundesliga genügt nicht internationalen Ansprüchen und darüber sollte vielleicht mal diskutiert werden.
Suedtribuene - 10. Okt, 13:03

Nachtrag: Skibbe

Es passt übrigens ins Bild, dass sich ein Möchtegern-Spitzenverein wie Bayer jetzt mit Michael Skibbe einen Trainer holt, über dessen Trainingsarbeit bei der EM 2004 das Technische Komitee der FIFA wie folgt urteilte: "Das langweiligste und altmodischste Training aller teilnehmenden Mannschaften".

MythosBayern - 10. Okt, 17:29

Tja, was soll ich sagen?

Die Trainerausbildung wird in Köln absolviert! ;-)

Nein, mal im Ernst, was willst Du erwarten, wenn man von Seiten des DFB "verdienten" Ex-Spielern den Trainerschein im Schnelldurchgang hinterherwirft?

Hälst Du Andy Brehme für einen guten Trainer?

Bald rückt sogar Icke Häßler in diese Riege auf...

Das Problem ist sicherlich vielschichtig, zum einen sind Vereine wie z.b. Schalke 04 daran schuld, die in den 90er Jahren mit schlechtem Beispiel vorangingen und 80% des Kaders mit billigen Ost-Europäern oder Benelux-Spielern aufgebläht und vor der aktuellen Saison junge Nachwuchsspieler davon gejagt haben...

Zum anderen läßt man in der Bundesliga von Seiten des DFB/DFL/der Schiedsrichter in meinen Augen falsch spielen, was dann die Vereine merken, die international tätig sind, Thema "internationale Härte"!

Aber wie soll das auch gehen, wenn hierzulande nach jedem harten Check gleich Zeter und Mordio geschrien wird - ich nehme mich selbst da gar nicht aus...
;-)

Ferner hat die Nationalmannschaft einfach das Problem, dass sie zwei Jahre lang völlig ohne Druck und Wettbewerbscharakter spielen wird, ok, da könnte man jetzt auch von einem Vorteil sprechen, aber die aktuellen Spiele belegen das Gegenteil!

Klar ist Klinsi 'ne arme Sau, weil er mit dem Spieler-Material auskommen muss, das ihm die Liga zur Verfügung stellt, aber manches ist er auch selber schuld, denn seine "positive Einstellung" und sein offensichtlichter Anspruch im nächsten Jahr Weltmeister werden zu wollen, kommt in Deutschland(s Medien) schnell als Bumerang zurück, wenn der Erfolg ausbleibt!

Suedtribuene - 10. Okt, 17:56

Touchez!

Das mit dem Hinweis auf die Trainerausbildung in Köln habe ich glattweg übersehen. Treffer, versenkt. :-)

Ansonsten sind wir ja mal wieder in vielen Punkten einer Meinung, allerdings würde ich die Bayern bei der Bundesliga-Schelte nicht ausnehmen. Guck Dir Eure Viererkette und Euren Angriff mal an und das was in der deutschen Mannschaft im Mittelfeld nicht diszipliniert spielt, sind zum großen Teil Eure Leute. Was S04 angeht, hast Du natürlich recht.

Ich würde bei den Trainern aber auch die Jugendtrainer nicht unerwähnt lassen. Die Bayern (und da sind sie positiv zu erwähnen) leisten sich als einziger Club einen gestandenen Trainer für die Jugendarbeit.

Was die Spielweise unter DFB/DFL/Schiedsrichter-Aufsicht angeht, sind wir uns auch einig. Den Punkt könnte man in der Diskussion dazu nehmen.

Klinsis Grinsen geht mir zwar auch immer mal wieder auf den Keks, aber mehr noch die Hysterie in Deutschland(s Medien). Nach einer Woche Portugal noch mehr als sonst. Aber eben vor allem, weil sich diese Hysterie um Nebensächlichkeiten herum aufbaut. Über das Wesentliche wird nicht diskutiert. Egal ob im Fußball oder in der Politik. Das wiederum geht mir sowas von auf den Keks, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen.
MythosBayern - 12. Okt, 11:50

Immer wieder gerne!

Ich weiß, die Bayern gehen da nicht gerade mit gutem Beispiel voran, aber glaube mir, gäbe es genügend guten deutschen Nachwuchs, auch aus der eigenen Talentschmiede, würde der spielen!
Suedtribuene - 12. Okt, 14:24

Richtig,

aber Nachwuchs wächst nicht auf der Wiese. Nachwuchs wird gemacht.

Das gilt, auch wenn ich mir bewusst bin, dass das immer auch in der Bereitschaft und Verantwortung des Jugendspielers liegt.
Ein Podolski hat eben vor und nach dem Training noch auf dem Bolzplatz mit den Kumpels weiter gekickt, bis es dunkel war.
Andere machen das nicht und fallen durchs Raster.

Anders gesagt: Der Nachwuchs ist so gut wie die Ausbildung, die er bekommt.
Dülp - 10. Okt, 20:43

Die Hauptursache für die prekäre Situation liegt meiner Ansicht nach in der Jugendausbildung. Warum kann Klinsmann denn aus einem Pool von schätzungsweise 50 deutschen Spielern zurückgreifen, die in der Bundesliga regelmäßig zum Einsatz kommen? Weil adie Ausländer so billig sind oder weil sie einfach besser sind als die Nachwuchshoffnungen? Ich habe das Gefühl, dass ein Spieler, der aus einer deutschen Jugendmannschaft kommt noch zwei Jahre Ausbildung braucht, um auf ein Niveau zu kommen, das ein Spieler in anderen europäischen Ländern bereits ereicht hat. Daran können die Bundesligatrainer nicht mehr viel ändern, weil das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ich frage mich, warum sich die Bundesligisten zwar für ihre erste Mannschaft Coaches aus Holland holen, aber in der Jugend immer noch auf deutsche Ex-Profis setzen, die teilweise gerade erst den Trainerschein in der Tasche haben und mit dem Job für ihre Leistung als Spieler belohnt werden. Wieso wird nicht einmal ein gestandener Experte aus dem Ausland geholt, der die ganze Jugendabteilung umkrempelt und nach modernen Maßstäben trainieren lässt? Es kann ja kein Zufall sein, dass Holland fast jährlichen Leute wie Robben, Van der Vaart, Kuyt oder wie sie alle heißen hervorbringt, während die Topspieler der deutschen Nachwuchsmannschaften sich nicht einmal bei Borussia Mönchengladbach durchsetzen können (aktuelles Beispiel: U20-Kapitän Eugen Polanski).

Suedtribuene (anonym) - 11. Okt, 12:31

Die Liga in der Pflicht

Grundsätzlich gebe ich Dir recht. Wie oben schon angemerkt, leistet sich allein Bayern München mit Hermann Gerland einen gestandenen Trainer in der Jugendabteilung.
Nur sind in München die Ansprüche an die erste Mannschaft so hoch, dass viele den Sprung nicht schaffen (und stattdessen z.B bei uns in Köln landen: Lell, Feulner, Sinkala, Wessels).

Auf der anderen Seite nehme ich das Beispiel Köln. Da hat ein Marcel Koller (wohlgemerkt kein deutscher, sondern ein Schweizer Trainer!) den Mut, den die meisten deutschen Bundesligatrainer eben nicht haben: Er holt mit Podolski und Sinkiewicz zwei 19jährige in die erste Mannschaft und lässt sie spielen. Immer wieder. Funkel hat das nicht getan.

Ergebnis: Beide sind Stammspieler (und Leistungsträger) in ihrem Verein und Nationalspieler.

Noch ein Ergebnis: Marcel Koller wurde in Köln entlassen und durch den Sicherheitsorientierten Huub Stevens ersetzt.

Es sind sehr wohl die Bundesligatrainer in der Pflicht, den eigenen Nachwuchs in die ersten Mannschaften zu integrieren. Sie müssen dazu aber auch die Unterstützung des Vereins haben. In der Jugendarbeit, aber auch in der Öffentlichkeit.
Kein Mensch hat in Köln von Vereinsseite darauf hingewiesen, dass Koller versucht hat, der Mannschaft ein Spielsystem zu vermitteln und dass er eben diese beiden jungen Spieler hochgeholt hat. Und dass das so gut, aber eben auch riskant ist. Stattdessen hat man den Trainer im Regen stehen lassen und populistisch geopfert.
MythosBayern - 12. Okt, 11:57

Mit dem Anspruch in München gebe ich Dir absolut Recht, der gilt ja auch für Neuverpflichtungen von aussen, siehe Rau, Thiam, etc.

Im Grunde ist das aber auch fair, wer dem Anspruch halt nicht standhält passt eben nicht ins Team, dann wird einer mal ausgeliehen, entwickelt sich mit etwas weniger Druck entscheidend weiter und kommt zurück (Lahm, Babbel, etc.)!

Leider läßt sich diese Vorgehensweie nicht beliebig reproduzieren und die Vereine (wie Stuttgart), wollen die Bayern-Jungstars jetzt direkt kaufen und nicht nur zwei Jahre ausleihen, dabei gehen sie damit auch ein Risiko ein, denn wer sagt denn, dass es immer so läuft wie im Fall Lahm?

Das Thema Funkel & Co. ist ja bekanntlich ein ganz anderes, darüber brauchen wir nicht mehr zu diskutieren, aus der Ecke ist nichts Innovatives zu erwarten!
Suedtribuene - 12. Okt, 14:39

Logisch ist das fair. Das ist der Druck bei den Bayern, der für einen großen Teil Eurer Erfolge verantwortlich ist.
Mehmet Scholl hat das, glaube ich, mal so gesagt: "Bei Bayern reden die im Training vom ersten Spieltag an über nichts anderes als die Meisterschaft. Damit musst Du erst einmal zurecht kommen."
Wenn Du da als junger Spieler reinkommst und einfach nur ein paar Spiele machen willst, gehst Du unter.
Aber dann ergänzen wir die Frage nach der technischen, körperlichen und taktischen Ausbildung um die Frage der Einstellung zur Arbeit (neudeutsch: Mentalität): Was willst Du als Spieler erreichen und was bist Du bereit dafür zu tun? Ein Zidane trainiert auch heute noch die Basics am Ball. Auch das kann (und muss) man jungen Spielern beibringen. Mit der Einstellung einer Paris Hilton kommst Du im Fußball nicht weit.

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